Rundbrief September 2011

 

Auszüge aus dem Rundbrief

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Die Gemeinschaft kann nicht vorausgesetzt werden, wie beim gemeinsamen Bekenntnis.

Nein: sie ist Aufgabe. Sie mißlingt auch.
Sie wirkt daher als frei erkämpfte und zugleich geschenkte Überraschung.

Eugen Rosenstock-Huessy ,Das Alter der Kirche‘, Band II Seite 155

Agenda Verlag Münster, 1998.

Zuerst erschienen 1927.

 

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3 TAGUNGSPROGRAMM

'DIE GESCHICHTLICHE STUNDE 9 NOVEMBER 1918‘, SALEM 2011

EINLEITUNG

Auch das Thema des Tagungsprogramms „Die Hochzeit des Krieges und der Revolution“ war bestimmt von tiefster Uneinigkeit in unseren eigenen Gliederungen, wie sie mit dem Werdegang der Soziologieherausgabe gewachsen ist und diesen Frühling hoffentlich ihren Tiefpunkt erreicht hat.

Deshalb hat der Vorstand „die geschichtliche Stunde des 9. November 1918“ als Thema gewählt, die Auskunft des Zusammenstoßes der guten Geister der europäischen Staaten, die seitdem unsere planetarische Tagesordnung bestimmt hat. Damals hat der Prozess begonnen, der noch immer der unsere ist - Rosenstock-Huessy war einer der sehr wenigen, der das nicht nur am eigenen Leibe erlebte, sondern auch den richtigen Ton setzte. Der sogar in der gesellschaftlichen Gestalt der Tochter das Heilmittel entdeckte. Der Tochter neben dem Sohn. Israel neben Griechenland...

Wolfram Wehrenbrecht, der zum ersten Male dabei war, beschreibt seine Eindrücke der Tagung. Otto Kroesen, einen unserer Veteranen, hat die Tagung inspiriert zu seinem Beitrag „Krise und Zukunft“ zu unserer planetarischen Lage. Ich hoffe daß sich diese Stunde der Tagung so auch für die nicht dabei waren vergegenwärtigen lässt.

Wilmy Verhage

EINDRÜCKE DER TAGUNG

Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute tagt so nah ... !
Der Rosenstock-Huessy-Neuling aus Bielefeld-Gadderbaum freute sich nicht nur über den extrem kurzen Anreiseweg, sondern auch über eine rundum gelungene Tagung. Das lag an vier Dingen: dem schönen Frühlingswetter, dem Tagungsort, dem Tagungsthema und der netten Teilnehmerschar.

Wo kann man einen Holländer kennenlernen, der "Otto" heißt ?

Und wo kann man nach knapp 40 Jahren seinen ehemaligen Deutschlehrer wiedersehen (oder zumindest knapp verfehlen)? Natürlich nur bei der Rosenstock-Huessy Gesellschaft ...

Dass das Gütesiegel "ERH" keine Völkerscharen in römischer Legionsstärke in den Teutoburger Wald treibt, ist eine Binsenweisheit. Denn es ging, geht und wird immer um das "Hören" gehen. Und das will nur in einem kleinen Kreis gepflegt und eingeübt sein ... Ein gutes Übungsprogramm boten die vier Vorträge, die sich rund um die "Hochzeit des Kriegs und der Revolution" rankten.

Es wäre schön, sie noch einmal nachlesen zu können, denn das Thema "Der 9. November und seine weitreichenden Folgen" wird uns auch in Zukunft beschäftigen.

Es war sehr gewinnbringend, über den Brückenbauer ERH die Niederländer etwas näher kennenzulernen. Allein die Frage "Habt Ihr auch einen Otto von Bismarck gehabt?" zeigte, dass wir noch viel voneinander lernen können.
ERH wird's begrüßen.
Der einzige Schwachpunkt des Jahrestreffens wird sich organisatorisch nicht so schnell beheben lassen. Es handelt sich um die Gestaltung des Samstag-abends, bei dem nicht so sehr das Hören, als vielmehr das Sitzen und Reden und nochmals Sitzen im Vordergrund steht.

Um die Wartezeit bis zur nächsten Jahrestagung zu überbrücken, sollten im ganzen Land ERH- Lesezirkel gegründet werden. Auch die Tagung 2012 will schon jetzt vorbereitet sein, denn der nächste Frühling kommt bestimmt.
So heißt das Unterhaltungsprogramm 2012 z. B. "Papa, Eugen hat gesagt ..."

(frei nach Ursula Haucke).
Wer könnte den Vater besser verkörpern als Gottfried Hofmann und wem ist der vorwitzige Sohn besser auf den Leib geschneidert als Andreas Schreck !

Wolfram Wehrenbrecht

KRISE UND ZUKUNFT

Die letzte Jahrestagung ist durch die Frage bestimmt worden, was es bedeutet, zwischen zwei Zeiten zu leben, von denen die eine Zeit nicht vorübergehen und die andere nicht richtig anfangen will. Wir leben im Umbruch, darum auch entwurzelt. Das Zeitalter von Institutionen und Staaten, Organisationen und Strukturen, die die Einheit bestimmter Territorien oder gar der ganzen Welt garantieren sollen, ist noch nicht vorüber. Der Auftrag, den es hatte, ist noch nicht vorüber, obwohl sie doch schon durch einen neuen Auftrag verdrängt wird. Der Auftrag der Staatenwelt war es, die politische und ökonomische Einheit der Menschheit zu realisieren. Das ist das Zeitalter der Weltgeschichte. Eigentlich ist das Zeitalter der Weltgeschichte vorbei, wie schon auch Francis Fukuyama in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in seinem berühmten Aufsatz "The End of History" bestätigt hat. Wir merken es immer mehr: es geht damit wirklich zu Ende. Die Institutionen, die diese Welt trugen, sind im Verfall. Wir sehen ja schon in der Europäischen Union, wie die Einheit vieler Völker durch ihre Mitgliedschaft garantiert schien und stehen doch vor der Gefahr, dass die europäische Union, Europa, noch einmal in miteinander streitende Staaten und Nationen auseinanderfällt. Beispiel: Griechenland, dessen Ökonomie wohl den Selbstinteressen der europäischen Nationen geopfert wird, weil es durch keinerlei Maßnahmen mehr zu retten ist.

Dasselbe Beispiel aber macht klar, dass der neue Auftrag genauso wenig gehört wird. Das griechische Problem wird ja nur mit allerhand Maßnahmen und politischen Strategien angepackt.

Es führt nicht oder nur wenig zu einem neuen Verständnis der Frage, wer diese Griechen eigentlich sind, es führt nicht zu neuen Gegenseitigkeitsvorstellungen. Es wird mit den Griechen verhandelt, aber nicht mit ihnen gesprochen. Wir wissen ja gar nicht, was wir an Menschentypen auch sonst noch in dieser europäischen Union im Hause haben. Wir wissen nicht, was für Werte, Lebensweisen und Sprechweisen sie eigentlich vertreten, Kernwerte vielleicht, die zum Beispiel die Griechen in ihren ökonomischen Fehlschlagen so hartnäckig und unveränderlich machen. Etwas ist es, das sie versuchen zu retten, auch wenn es sie ökonomisch zum Untergang führt.

Hier fängt wohl die Tochter an! Die Tochter wurde uns auf der Tagung präsentiert als die, die ihre Identität nicht völlig ernst nimmt, aber spielend (obwohl in ernsthaftem Spiel) einen Weg in die Zukunft hinein sucht, was wohl immer einen Weg der Veränderung und Umwandlung bedeutet. Sie besteht nicht auf ihren Rechten, sucht aber ihre Chancen. Die Interaktion, die Gegenseitigkeitsvorstellungen, die Sprache, die hin und her geht, die bestimmt - schon gar nicht ihre Identität - aber ihren Weg, ihr Procedere. Männliche Charakteristika wie Maßnahmen, Regelungen, Pläne und Gesetze nimmt sie zwar mit in dieses Procedere hinein, aber sie nimmt sie nicht völlig ernst. Das heißt: sie bekommen ihre Bestimmung und ihre Wirkung erst umklammert und eingebettet in Wort und Antwort, die hin und her gehen, Name, der ruft, Herz und Seele die antworten.

Ist es nicht wahr, dass, wie Rosenstock Huessy sagte, eine alte Inspiration nur durch eine neue gerettet werden kann? Vielleicht können nur durch solche, in richtige Gegenseitigkeit eingebettete Vorstellungen und Sprachprozesse die richtigen politischen und ökonomischen Maßnahmen gefunden werden. Vielleicht fängt die neue Zeit nicht an, weil wir uns noch immer dem Umweg über diese neue Inspiration verweigern. Spüren wir aber nicht in den heutigen Krisen schon auch die neue Zukunft? Jedenfalls ist es auffällig dass wir nicht so sehr in Kriegen leben, als vielmehr in Krisen. Diese Krisen zwingen uns miteinander zu sprechen. Es geht nicht anders. Natürlich geht das Tagesgespräch nur noch über die nötigen Maßnahmen, aber untergründig fängt schon etwas mehr an. Wir fangen an zu fragen: wer sind diese anderen eigentlich, die Griechen, die Türken, die Muslime, oder die Polen oder die Bulgaren? Was beseelt sie? Was haben sie uns zu sagen? Und was sagen wir dann zurück? Dieser Umweg ist das eine Nötige, das Töchterliche, und vielleicht werden wir, wenn wir damit anfangen, mal sagen, was Churchill sagte zur englischen Entscheidung, der Krieg mit den Nazis sei nicht mehr zu vermeiden: “We did the one thing necessary after all other options failed”.

Vielleicht steht schon heute eine neue Generation auf, die mehr auf diese Töchterlichkeit vorbereitet ist, die weniger logisch als dialogisch oder grammatisch verfährt. Mögen wir uns töchterlich auf diese Fahrt einlassen...

Otto Kroesen

4 ARCHIV WORLDWIDE – OHNE ERINNERUNG KEINE ZUKUNFT

Lieber Gottfried,

selbstverständlich haben wir Jahr für Jahr und Jahrzehnt für Jahrzehnt Deinen Dienst in Anspruch genommen – das Archiv. „Frag Gottfried, wenn Du etwas suchst.“ Ich erinnere mich an 1980, als Du mir auf meine Frage die alten Mitteilungsblätter zukommen liessest, die mir viele Begegnungen mit Eugen Rosenstock-Huessy und seinen Gesprächspartnern schenkten. Du warst und bist ein Hüter unserer Erinnerung als Gesellschaft und ein Hüter der Erinnerung an Eugen Rosenstock-Huessy. Danke für diesen Deinen Dienst! Ohne Erinnerung keine Zukunft! Das gilt für unsere ERH-Gesellschaft. Das gilt auch für die planetarische Gesellschaft.

Als verantwortlicher Haushalter des Archives, der für die Zukunft Sorge trägt habe ich Dich erlebt seit ich im Vorstand bin: „Wer und wo und wie wird dieser Archivdienst weitergetragen wenn mein Dienst 2012 zu Ende geht? Wer wird sich darum kümmern bis der Name Eugen Rosenstock-Huessy so bekannt ist wie es ihm gebührt. Der bisherige Standort Hauptarchiv Bethel würde nur eine Verwahrperspektive bieten – ohne Personal.“

Ich empfinde es wie eine Fügung, dass ich 2009 mit Dr.Jens Murken, dem neuen jungen Leiter des Archives der westfälischen Landeskirche, zusammenarbeiten durfte, der gerade den Auftrag erhalten hatte, das Archiv der Landeskirche in das neue Gebäude in Bethel zu überführen. Dort wird es seit dem Januar 2011 in größeren und technisch optimalen Räumen mit qualifiziertem Personal und Ausstellungs- und Seminarräumen nicht nur aufbewahrt. Dr. Murken gehört zu den Archivaren, die das ‚Bergwerk der Bilder’ der Geschichte mit dem gegenwärtigen Leben ins Gespräch bringen, - mit einem Wort Rosenstock-Huessys - auf dass ‚die grosse Halle der Geschichte und der Dichtung aufgeschlossen steht, um durch Beispiel und geflügeltes Wort uns zu erfüllen.’ (Totenrede auf Vater Theodor Rosenstock 1928). Dieses gegenwärtige Leben ist zum Beispiel die im selben Gebäude angesiedelte neue Hochschule für Diakonie, aber auch die Webpräsenz des Archives. Begeistert wies Dr. Murken sofort auf die Chancen hin, die sich daraus ergeben, dass der Nachlass des Freundes Hans Ehrenberg sich schon am selben Ort befindet: Ahnen unserer Zukunft versammeln. Wer die grosse Sehnsucht unserer Zeit kennt nach Wurzeln, der wird diese Versammlung hochschätzen, denn „wir bedürfen des Hervorrufens alter Zeit, damit wir unserer Rufkraft, unserer Berufung, innewerden.“ (ERH Frankreich-Deutschland 1956)

Am Ende einer Epoche, in der „unsichtbaren Welt“, da benötigen wir diese Stimmen not- wendend um unsere Berufung zu finden, um unser Wort zu finden, was jetzt gesagt wird (Augustinus). Eugen Rosenstock-Huessy und Hans Ehrenberg gehören zu den Pionieren, die uns herausführen ‚aus dem vertrauten Standpunkt des Zuschauers hin zum entscheidenden Zeitpunkt, an dem wir uns zusammen befinden auf dem Weg zum Planeten’ (Ko Vos) in der Epoche der Gegenseitigkeit aller.

Du warst skeptisch. Das verstehe ich gut! Dann aber leuchtete auf Deinem Gesicht Deine Freude auf, als im Gespräch mit Dr.Murken die Zukunft unseres Archives verbindliche Gestalt annahm. Jetzt liegt der Vertrag vor und treibt mir Tränen der Freude in die Augen und weckt Lust zum Feiern und bietet uns allen Anlass, Dir zu danken für Deinen Dienst.

Dein

Thomas

5. EIN EPOCHEMACHENDES BUCH

Zum hundertsten Geburtstag Freya von Moltkes am 29. März 2011 erschien das Buch: Helmuth James und Freya von Moltke, Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel September 1944 – Januar 1945, C. H. Beck Verlag, München 2011. Das Buch umfaßt Vorwort und Einleitung der Herausgeber Helmuth Caspar von Moltke und Ulrike von Moltke, die Abschiedsbriefe von S. 35 bis S. 544, einen Anhang mit weiteren Dokumenten, einer biographischen Notiz, Literaturhinweisen, Bildnachweis, dem Abkürzungsverzeichnis, dem Verzeichnis der Gesangbuchlieder und dem Personenverzeichnis. Der erste Brief von Freya an Helmuth ist vom 29. September 1944, der letzte Brief von Freya, der Helmuth nicht mehr erreichte, von dessen Todestag, dem 23. Januar 1945. Um eine Vorstellung von der Gestalt des Briefwechsel zu bekommen: 61mal hat Freya Helmuth angeschrieben, nachdem sie ein oder mehrere Briefe von ihm inzwischen erhalten hatte.

Während die ersten Briefe ganz davon eingenommen sind, daß Urteil und Vollstreckung des zu erwartenden Todesurteils („der jüngste Tag ist nicht mehr fern“) sofort eintreten werden, welches schon für sich genommen eine existentielle Lage außerordentlicher Schärfe und Klarheit ist, breitet sich das Gespräch zwischen beiden (in den meisten frei, ohne Rücksicht auf Zensur) mehr und mehr so aus, daß zwischen den beiden in Liebe verbundenen Partnern die volle Sprachkraft wirksam hält, ja, in dieser außerordentlichen Zeit zu größter Deutlichkeit herausfordert.

Die Mitte, um die sich das Kreuz der Wirklichkeit ausstreckt, ist vielleicht am intensivsten in Helmuths Brief vom 31. Dezember 1944 berührt. Da heißt es:
Ich höre auf, denn es ist alle zu unvollkommen und soll auch nur dazu dienen, Dir den Geschmack an Jesaja beizubringen. Fange mit jenen Kapiteln an und nimm vielleicht 53 noch dazu, und wenn diese 6 Kapitel (gemeint sind die Kapitel 40-45) Deinen vollen Beifall haben, dann lies allmählich die restlichen Kapitel von 46 bis zum Schluss und erst dann den Anfang. Und wenn Du Jesaja wirklich genießt, dann wirst Du auch die anderen Propheten entdecken. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass sie größer sind als die Evangelisten und Apostel, nur hatten die eben einen reiferen Stoff. Jesaja vor allen ist ein Gigant, und die nichtjüdische Welt hat ihm nichts Ähnliches gegenüberzustellen. Er ist eben ein Mann, der „von Angesicht zu Angesicht“ geschaut hat, und selbst Luther konnte nicht ein Mal den Anblick des Teufels ertragen, und nur von Mose wird berichtet, er habe Gott gesehen. Das ist im Format etwas ganz Anderes, als wir uns auch nur vorzustellen vermögen, und ohne das Jahr 44 hätte ich das nie bemerkt.“ (S. 419)

Um diese Mitte, die auf die Kraftquelle der Todesüberwindung hinweist, kommen die vier Sprachströme alle zu Wort. Nach vorwärts die Frage, wie die jetzt erlebte Zeit in die Zukunft, nämlich in Freyas Leben unverbrüchlich über Helmuths Tod hinüberwirkt, verbunden mit der Sorge auf seiner Seite, wie es ihr im übrigen ergehen wird. Nach innen kommen die biographischen Betrachtungen, die sich nach und nach einstellen und wirklich das ganze Leben umfassen. Nach rückwärts, zum schon geordneten Leben, gehören die vielen Passagen in den Briefen beider, in denen es um das Leben und den Betrieb in Kreisau geht. Nach außen aber – und das nimmt einen beträchtlichen Teil ein – gehen die Überlegungen und Darlegungen zu der Frage, wie die Verteidigung vor dem Volksgerichtshof ausgearbeitet wird, wie sie adressiert wird, welche Personen dazu kontaktiert werden müssen, dies bis in die Details hinein. Dieser vierte Teil nahm dann einen Hauptteil der Zeit ein, die Freya in dem von Bombenangriffen erschütterten Berlin täglich verbrachte.

Mit anderen Worten: diese beiden Menschen fuhren angesichts des sicheren Todes des einen Partners stark im Glauben fort, die menschliche Sprache dafür zu gebrauchen, wozu sie da ist!

Nämlich die Zukunft zu öffnen, Gemüt und Gefühl innen auszusprechen und zu gestalten, das Tagewerk, das zum Leben notwendig ist, zu gestalten und den Kampf nach außen zu führen.

Solche Sprachfülle ist in Nazi-Deutschland so selten anzutreffen gewesen, wie Helmuth James von Moltke es in seinem Brief an Lionel Curtis vom 25. März 1943 geschildert hat:

Mangel an Kommunikation: Das ist das Schlimmste. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet, wenn man a) nicht telefonieren kann; b) die Post nicht benutzen kann; c) keinen Boten schicken kann, denn wahrscheinlich hat man keinen, und wenn man einen hat, kann man ihm nichts Schriftliches mitgeben, da die Polizei zuweilen Leute in Zügen, Straßenbahnen usw. nach Dokumenten durchsucht; d) nicht einmal mit den Menschen sprechen kann, mit denen man völlig einig ist, weil die Verhörmethoden der Geheimpolizei zunächst den Willen brechen, den Verstand aber bei voller Klarheit belassen. Auf diese Weise wird das Opfer dazu gebracht, alles auszusagen, was es weiß. Deshalb darf man Mitteilungen nur denjenigen zukommen lassen, die sie unbedingt brauchen; e) sich nicht einmal auf Gerüchte oder eine Flüsterkampagne verlassen kann, um Nachrichten zu verbreiten, da die Nachrichtensperre so wirksam ist, daß eine in München gestartete Flüsterkampagne vielleicht nicht einmal bis Augsburg kommt. Es gibt nur einen zuverlässigen Weg zur Verbreitung von Nachrichten, nämlich den Londoner Rundfunk, der von vielen wirklichen Gegnern des Nationalsozialismus und unzufriedenen Parteimitgliedern gehört wird.

Und etwas vorher in jenem Brief heißt es: Die Frauen sind, sofern sie nicht zu irgendwelcher Kriegsarbeit herangezogen werden, physisch, vor allem aber psychisch voll ausgelastet mit der Aufgabe, ihren Haushalt in Ordnung zu halten.

So ist dieser Briefwechsel für alle jene z. B. eine lichtwerfende Neuigkeit, deren Eltern in jenen Jahren auf solche Weise voneinander getrennt waren und schon deshalb keine gemeinsame Erzählung fassen konnten. Nämlich weil eben die Briefe beider, der Frau und des Mannes, im antwortenden Hin und her hier zu lesen sind.

Freya von Moltke hat diese Briefe vor ihrem Tode nur wenigen zu lesen gegeben – weil doch sonst dieses von Helmuth James von Moltke geglaubte Anwesendbleiben über den Tod hinaus bis zu ihrem Tode bewährt werden mußte. Und sich bewährt hat.

Als Eugen Rosenstock-Huessy das Ende seiner Tage nahen fühlte, schrieb er Freya von Moltke in ihr Exemplar seines Buches Heilkraft und Wahrheit: Geliebte Freya, Die Zeit ist um. Das schadet nichts. Es war, ist und wird Gottes Zeit sein. Der Himmel behüte Dich. 22. August 1970. Dein Eugen. Freya notierte es, daß sie diese Inschrift am Tage seines Todes fand, am 24. Februar 1973.

Es ist jedem Leser zu raten, den Briefwechsel wenigstens hinblickend auf die wirklich verstreichende Zeit zu lesen, also in einigen Monaten, um die wirkliche Lage ermessen zu können. Dann kann die Sprachfülle, die Freya von Moltke in den kommenden Jahrzehnten ihres Lebens bewährte, leuchtend hervortreten.

Eckart Wilkens

6. IN MEMORIAM FRANZ VON HAMMERSTEINI (1921-2011)

In Berlin geboren am 6.Juni 1921, in Berlin gestorben am 15. August 2011. In Haltung und Tonlage war das zu spüren. Seinen vollen Namen Franz Freiherr von Hammerstein-Equord habe ich nie auf einem Namensschild gefunden, obwohl ich Franz von Hammerstein des öfteren auf Podien erleben durfte, etwa wenn er in Kreisau über die Anfänge der Aktion Sühnezeichen Ende der 50-er Jahre erzählte. Franz kam wirklich aus dem Zentrum deutscher Geschichte, er wuchs im Bendlerblock auf, konnte am 20. Juli 1944 gerade noch entwischen, erlebte aber Sippenhaft und Konzentrationslager. Dass er über „Das Messiasproblem bei Martin Buber“ promoviert hat und „eigentlich“ Theologe gewesen ist, habe ich selbst erst aus Nachrufen erfahren. Als Direktor der Evangelischen Akademie Berlin (West) hat er große Tagungen der Rosenstock-Huessy Gesellschaft ermöglicht. Manche Mitglieder werden sich an seine Teilnahme in Gulpen 1987 erinnern, auch 1988 in Vermont ist er dabei gewesen. Zuletzt in der körperlichen Beweglichkeit eingeschränkt, ließ er kaum einen ihm wichtigen Termin aus, etwa eine Lesung aus der Freya v. Moltke-Biographie von Frauke Geyken in der Dahlemer Dorfkirche im April dieses Jahres. Mir war er gewogen, meinte er doch, es gebe in der Rosenstock-Huessy Gesellschaft zu wenige Juristen. Seine Erfahrungen im planetarischen Brückenbau sind hoffentlich erzählt bewahrt. So sehr er die Zeit des Militärs (und wohl auch des Landeskirchenchristentums) als vergangen ansah, so preussisch diskret blieb er im Gespräch. Angst vor Unbequemlichkeiten hatte er ähnlich wie sein höchst eigensinniger Vater nicht. Ein aufrichtiger Mann. Mut machend.

Andreas Schreck

 

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